Das Thema Nähe und Distanz im Business war auch das Thema unseres Ethikstammtisches im April 2020.

Mitten in der Corona-Krise, so viele Leute sind zu Hause. Entweder im Home-Office oder gleich in Kurzarbeit. Da hat das Thema Nähe und Distanz im Business doch gleich eine völlig neue Bedeutung.

Wir diskutieren – natürlich online – über die Nähe in den verschiedenen Branchen. Doch Nähe ist nicht gleich Nähe. Ein Teilnehmer versteht unter Nähe einen sanften Umgang miteinander. Und nennt auch gleich eine Erklärung, warum diese Art von Nähe nicht funktioniert – zumindest nicht in seinem Unternehmen. „In der Baubranche braucht man klare Ansagen. Kurz, knackig, auf den Punkt“, sagt er. Da geht nix mit „drüber reden“ und „gewaltfreier Kommunikation“. Viele Mitarbeiter wollen geführt werden, und zwar klar und eindeutig.

Ist das jetzt Nähe oder Distanz, frage ich mich.

In Zeiten wie diesen ist eines klar: die Leute brauchen Sicherheit. Emotionen wie Angst und Verunsicherung, wie es weitergehen wird, bringen die Leute an ihre Grenzen. Und jeder, der verunsichert ist, ist froh über einen anderen Menschen, der ihm Sicherheit geben kann. Zum Beispiel, indem er eine klare Ansage macht. Und das ist nicht nur in der Baubranche so, denke ich.

Ist Distanz zugleich Nähe auf einer anderen Ebene?

Nähe entsteht durch Empathie und Mitgefühl. Und die kann sich auch in distanziertem Verhalten zeigen.

Wenn du als Unternehmer selber verunsichert bist oder dir zum Heulen zumute ist – mal krass gesprochen – dann bringt es in der Regel wenig, wenn du das deinen Mitarbeitern so ungeschminkt offenbarst. Denn damit nimmst du auch deiner Belegschaft den Halt und der Stress greift ungebremst um sich. Keinem ist dabei geholfen.

Ich weiß sehr gut, dass es sehr schwer ist, die eigene Befindlichkeit und die eigenen Vorlieben und Wünsche zurückzunehmen zum Wohl anderer. Doch damit beweist du innere Stärke und strahlst Sicherheit aus. Distanz schafft also auch Sicherheit. Und Sicherheit erzeugt wiederum Nähe. Also wieder nix Eindeutiges…

Als Führungskraft bist du allein!

Viele Unternehmer sagen mir immer wieder, dass sie die Mitarbeiter nicht wirklich an sich heranlassen. Je näher dir jemand ist, umso schwieriger kann es werden, deine Rolle als Führungskraft auszuüben. Stell dir vor, du fühlst dich emotional sehr stark mit jemandem verbunden und musst gleichzeitig zum Beispiel die Entscheidung treffen, ihn zu entlassen. Da sind schlaflose Nächte vorprogrammiert.

Nähe und Distanz ist also – so auch die Meinung der Teilnehmer am Ethikstammtisch – ein fortwährender Prozess. Keine statische Angelegenheit. Und auch keine, die man einmal für alle Zeiten entscheiden kann. Es braucht viel Fingerspitzengefühl für die einzelnen Menschen, die unterschiedlich gut mit Nähe und Distanz umgehen können. Der eine braucht mehr, der andere weniger.

Eine Teilnehmerin beschreibt das Prinzip der offenen Tür als ein hilfreiches Mittel. Auch wenn der folgende Vergleich eines anderen Teilnehmers etwas krass daherkommt, gibt er doch ein sehr gutes Bild zu diesem Prinzip: „Der Hund muss zu dir kommen, nicht du zum Hund. Nur dann erkennt er dich als Führungspersönlichkeit an und du kannst ihm Sicherheit geben.“

Na guuut, denke ich. Das Bild stimmt, aber verallgemeinern würde ich das nicht unbedingt. Es gibt sicher genug Situationen, in denen es eine gute Wirkung hat, wenn du als Unternehmer aktiv auf deine Mitarbeiter zugehst. Das zeigt auch wieder Interesse und Wertschätzung. Also du siehst, auch hier braucht es Fingerspitzengefühl.

Und dann kommt eine Aussage, die ich sehr spannend finde:

Zur Situation braucht es Distanz, zu sich selber und der eigenen Befindlichkeit Nähe!

Diese Mischung bringt Erfolg. Als Unternehmer weißt du genau, wie sich das anfühlt. Stimmt’s? Wenn du mit deinen eigenen Gefühlen und Befindlichkeiten im Kontakt bist, dann projizierst du sie nicht so leicht nach draußen. Das hilft dir, klarer zu handeln. Und klares Handeln wiederum erzeugt sehr viel Nähe, weil du andere Menschen besser verstehst. Wenn du verstehst, weshalb deine Mitarbeiter gerade so und nicht anders handeln, weißt du genau, wo du anpacken und wie du sie ansprechen musst. Und das – genau! – bringt wiederum Nähe. Auf eine gute Art. Zwischen Unternehmer und Mitarbeitern.

Danke für die wunderbare Diskussion um dieses sehr komplexe Thema.

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